Piz Scerscen

Kondition statt Karbon

Wie ein kleiner, dicker Bruder lehnt sich der Piz Scercen an den Bernina. Obwohl der Scercen mit seinen 3971m einer der höchsten Berge des Kantons ist, geht er im Hype des Bernina unter und wird selten begangen. So selten, dass auf einschlägigen Internetseiten keine Tourenberichte über seine Besteigung zu finden sind. Der Weg zum Gipfel ist als S klassifiziert und erfordert einiges technisches Können. Es sind Gletscher zu überqueren, Felswände zu erklettern und Eisnasen zu erklimmen. Im Nordosten des Gipfels verbindet der Scerscengrat den Scerscen mit dem Bernina. Dadurch wäre es theoretisch möglich in einem Tag den Scerscen zu erklimmen und über den Scerscengrat zur Marco e Rosa Hütte auf 3597m abzusteigen. In Fachlektüren wird dieser Grat manchmal als der schönste im ganzen Alpenraum betitelt. Wahrscheinlich zu recht, jedoch gibt es nur wenige Wagemutige, die diese anstrengende Überschreitung je gewagt haben und bestimmt noch weniger die lebendig zurückgekommen sind um davon zu erzählen. Sogar unser Freund Gian, dessen Spielwiese der Bernina ist, hat diese Tour noch nie gewagt. Für das gr3000 Team war das gerade Grund genug um auf das grösste Abenteuer des Jahres aufzubrechen.

Ausgangspunkt war die Tschiervahütte 2583m, welche wir am Vortag mittels Pferdekutsche und Fussmarsch erreichten. Die Vorfreude war riesig und als ob wir die Strapazen des nächsten Tages ahnen würden war die Stimmung etwas weniger aufgedreht als auch schon. Insgesamt umfasste unser Team sechs gestandene Männer. Zunächst waren da Gian, der unangefochtene Führer dieser Expedition, und ein Mann namens Amselm, welcher sich auf die Bergführerprüfung vorbereitete und eine Seilschaft anführen sollte. Als gemeines Fussvolk waren neben Martin, Daniel und mir auch Mauro „der Vorratsbunker“ wieder dabei. Geplant war, dass wir am nächsten Tag zum Piz Scercen aufsteigen, den Grat zum Bernina überqueren und uns am Abend in der Marco e Rosa Hütte Bier hinter die Kiemen kippen.

Wenige Stunden später, so um drei Uhr war dann aber Schluss mit der Träumerei. Rucksäcke wurden geschultert, Stirnlampen angeknippst und schon stapften wir mit knirschenden Schritten auf den Tschiervagletscher zu. Als es hell wurde, waren wir bereits beim Punkt 3279m auf dem Grat, der auch zum Piz Umur führt. Hier seilten wir uns an und bildeten drei Seilschaften: Gian und Daniel, Martin und Mauro sowie Anselm und ich. Während die ersten zwei Seilschaften sich am Einstieg abmühten, suchte Amselm mit mir etwas weiter rechts eine weitere Möglichkeit um in die Wand einzusteigen. Allerdings lag die Schwierigkeit dort bei geschätzten 6c. Dies lag zwar im Aufwärmbereich für Amselm, jedoch weit über meinen maximalen Fähigkeiten. Der kurze Ausflug war jedoch nicht umsonst, denn wo die anderen aufstiegen, rumpelte es plötzlich und meterdicke Felsblöcke stürzten in die Tiefe. Wären wir zu diesem Zeitpunkt darunter gewesen, hätte schlimmes passieren können. Wacklige Felsen hatten sich unter Mauros Füssen gelöst und wäre dieser nicht mit einem beherzten Sprung zur Seite gesprungen wäre die Tour für ihn schon da fertig gewesen. So aber standen Martin und Mauro sicher auf einem kleinen Felsvorsprung und hielten sich aneinander fest wie ein Liebespaar. Amselm und ich folgten nun der Zerstörungsspur unserer Vorgänger. Was nun folgte war eine schöne kleine Kletterpartie auf dem Grat unterhalb der Eisnase. Für mich persönlich waren die Schlüsselstellen gerade noch machbar, gerüchteweise soll jemand aber mit dem Flaschenzug über einige Stellen gehievt worden sein. Erfahrene Kletterer brauchen etwa eine halbe Stunde für das Stück. Wir brauchten etwas mehr, nämlich über zwei Stunden. Ich war froh einen so starken Seilpartner wie Amselm zu haben, er instruierte mich wenn nötig bei der Seiltechnik und kletterte schöne Routen vor. Am Ende dieser Kraxelei versperrte ein Hügel aus Eis unseren Weg. Das war also die berüchtigte Eisnase, ich war enttäuscht. Ich hatte sie mir steiler vorgestellt.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich zum ersten Mal im Eis gestiegen bin, abgesehen von den zwei Metern bei der Instruktion im letzten Jahr. Mit Steigeisen und Pickel erklommen wir diese Nase, was technisch gesehen überhaupt nicht schwer war, aber seine Zeit brauchte, weil Gian vorsteigen musste um uns zu sichern. Denn trotz allem bedeutet hier ein ungesicherter Ausrutscher den sicheren Tod.

Nun folgte ein mühsamer Aufstieg über Bruchharst bei schlechter Sicht und Wind. Tapfer spurte Gian, musste dann aber abwechslungsweise durch jemand anderen ersetzt werden. Ich hielt mich vornehm zurück, da ich eh schon alle zwei Schritte eine Pause brauchte, die Höhe und ein paar Fettpölsterchen forderten hier ihren Tribut. Kurz unter dem Gipfel galt es noch eine steile Flanke zu erklimmen und schon waren wir unterhalb des Gipfels und blickten auf den Scerscengrat. Just an diesem ausgesetzten Ort verspürte Daniel einen solchen Druck in seinen Gedärmen, dass er trotz eisigem Wind und Todesgefahr in knapp 4000m ein Häufchen setzte. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits Mittag, also viel zu spät. Wir beschlossen deshalb auf die Gipfelbesteigung zu verzichten um möglichst viel Zeit für die Gratüberquerung zu haben. Und die hatte es in sich.
Schon die ersten Meter waren für einige eine echte Mutprobe. Auf schmalem Pfad, Schritt für Schritt arbeitete man sich über den Schneebedeckten Grat während es links und rechts hunderte Meter in die Tiefe ging. Danach folgte eine ausgesetzte Gratkletterei in Steigeisen. Mittlerweile brannte nun auch noch die Sonne. Wir waren nun zwölf Stunden unterwegs und langsam spürte ich bei mir eine latente geistige Müdigkeit. Denn was wir hier machten war noch keine Routine und verlangte von mir volle Konzentration. Amselm schien das zu bemerken und redete mir gut zu während ich mich über den Grat kämpfte. Den anderen schien es ähnlich zu ergehen. Und nach einer Ewigkeit hatten wir nicht einmal ein Viertel des Grats geschafft und das schwierigste Stück stand noch vor uns. Das war er also, der schönste Grat der Alpen. Norbert Joos und Peter Gujan hatten diesen Grat bei ihrer Grenztour ebenfalls begangen und sind für Filmaufnahmen sogar darauf hin und her gerannt. Jetzt erst konnte ich diese Leistung verstehen. Und ich verstand auch, weshalb nur wenige diesen Weg zur Marco e Rosa Hütte wählen. Er ist höllisch lang, schwierig und an einem Tag nur zu schaffen, wenn man in solchem Gelände schnell genug ist. Es war mittlerweile zwei Uhr und wir waren schon etwa elf Stunden unterwegs. Angesichts schwindender Kräfte tat Gian das einzig richtige und blies zum Rückzug.
Also drehten wir um, kletterten zurück, überquerten abermals den schmalen Schneegrat und seilten uns über das steile Schneefeld ab. Hier schaute ich Martin an und wir mussten uns trotz, oder wegen der Strapazen angrinsen. Denn wegen solchen Erlebnissen waren wir hier und heute waren wir ein bisschen in den Bereich unserer psychischen Grenzen gestossen. Und trotz kalter Füsse und Wind war das ein geiles Gefühl. Wir stiegen weiter ab, seilten uns die Eisnase ab und machten unterhalb davon unsere erste richtige Pause seit über 13 Stunden. Nur Anselm nicht, denn Gian nutzte die Gelegenheit um Anselm eine praktische Lektion zu geben und erklärte ihm Eisuhr und andere Abseiltechniken, die man im Eis braucht während wir uns mit Minipic stärkten. Danach gings weiter über den Felsgrat hinunter Richtung Roseggletscher. Das Tempo verlangsamte sich weiter und die Zigarettenrauchfrequenz von Anselm stieg. Obwohl er nichts sagte war klar, dass er gerne weitergegangen wäre und dass das jetztige Tempo zu gering war. Nach scheinbar unendlich langer Kletterei und einer letzten Abseilaktion standen wir wieder auf dem Grat zum Piz Umur. Die Sonne brannte immer noch, obwohl es bereits gegen sieben Uhr abends war, der Gletscher und die Berge waren in ein goldenes Licht getaucht und irgendwie war die Stimmung friedlich und versöhnlich. Nach einem galoppierenden Abstieg über den Roseggletscher erreichten wir wieder die Tschiervahütte. Hier entschieden wir uns gegen eine teure Übernachtung in zu kleinen Betten mit schnarchenden Nachbarn und setzten den Abstieg in Richtung Pontresina fort. Beim Restaurant Roseg holte uns die Dunkelheit ein und die restlichen acht Kilometer marschierten wir ohne Licht. Nach über neunzehn Stunden unterwegs, um etwa elf Uhr kamen wir in Pontresina an, wo wir uns todmüde in Gians Wohnung verteilten und sofort einschliefen.


Aufstieg: Tschiervahütte – Pkt. 2814 – Einstieg südlich Pkt. 3279 – Piz Scerscen – Verbindungsgrat zum Piz Bernina bis etwa Pkt. 3954 – dann alles zurück
Abstieg: Piz Scerscen – Tschiervahütte – Pontresina

Datum: 06.07.2010
Dauer: Aufstieg ca. 9 h
Abstieg 7-8 h
Schwierigkeit: S
Höhe: 3971m
Höhenmeter: ca. 1500m (Aufstieg)
ca. 2100 (Abstieg)
die Besteiger: Daniel, Martin, Mauro, Anselm, Gian, Markus
Kartenausschnitt: Route Piz Scerscen Profil Piz Scerscen

Ein Kommentar zu “Piz Scerscen”

  1. Mumi 17. August 2011

    Das chund jetzt davo, dass i di nie allei uf de Tuma gloh han, früehner …….. ;-) , gäll Märki!

    Ier sind ganz a tolli Gruppa mit’ma super Projekt, witerhin allna viel Glück und Freud!

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