Ausflug mit Kind und Kegel
Wer auf die glorreiche Idee kam, unsere Freundinnen (Olivia, Daniela, Jacqueline & Andri) mitzunehmen, ist leider nicht mehr nachzuvollziehen. Vielleicht ist es auch besser so. Gestartet wurde in Pontresina mittels Pferdekutsche in Richtung Hotel Roseg. An den nachfolgenden Aufstieg zur Tschiervahütte kann ich mich nicht mehr erinnern, ausser dass es ganz am Schluss regnete und die langsameren (mit Pellerine oder Schirm, wie in der Stadt Zürich üblich) ein wenig nass wurden. In der Hütte gab es Instruktionen zur Kamerahandhabung und Belichtungszeit, damit am nächsten Tag sicher alles gut eingefangen werden kann. Im dem auf uns zugeschnittenen Zimmer fanden wir alsbald die nötige Ruhe für den nächsten Tag – immerhin hatten wir uns den Piz Tschierva zum Ziel gesetzt. Aus der Reise zum Piz Morteratsch aus dem Vorjahr meinten wir uns zu erinnern, dass ein einfacher, unschwieriger Rücken zum Piz Tschierva hinaufführt und uns also vor keine grossen Probleme stellen sollte. Eine ideale Gelegenheit also, unseren Nächsten einmal zu zeigen, was wir so in den Bergen treiben und was und fasziniert.
Am nächsten Morgen sind wir frühzeitig aus den Federn geschlüpft und sind Richtung Fuorcla Tschierva losspaziert. Weder die kleine Leiter noch das Anseilen aller Beteiligten auf dem Gletscher konnten uns aufhalten. In nicht gerade rekordverdächtigem Tempo konnten wir über einige Steinblöcke den Gipfel gewinnen, welcher ohne grosse Schwierigkeiten erreicht werden kann, allerdings spielt die Höhe des Berges eine wohl nicht zu unterschätzende Rolle für nicht akklimatisierte Bergspaziergänger.
Um allen Teilnehmern auch noch das nächste Tal zu zeigen, entschieden wir uns, über die Fuorcla Misaun ins Val Boval abzusteigen. Der Vadret da Misaun war ein wenig schneebedeckt und nur die grössten Spalten waren sichtbar. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit war der Schnee doch schon ziemlich tief. Um nicht direkt in die gemäss Karte vor uns liegenden Spaltenzone zu geraten, versuchte ich ein Ausweichmanöver auf den schneebedeckten Teil des Gletschers. Schon mit dem ersten Schritt sank ich bis zu den Hüften in die erste Spalte. Zum Glück konnten mich die kräftigen Olivia und Daniela direkt wieder aus der Spalte ziehen – am liebsten hätte ich jetzt die Rega angerufen – mein Begehren wurde jedoch mit knapper Mehrheit abgelehnt. Die kühne Markus-Andri-Jacquelin-Seilschaft nahm daher die Führung an sich und durchquerte die Spaltenzone ohne Probleme um gleich den Aufstieg zur Forcla Misaun in Angriff zu nehmen. Die nachfolgende Ereignisse sorgen noch heute für verschiedene Emotionen – je nach befragter Person.
Die kühne Seilschaft erkletterte im Nu die gröbste Steigung zur Forcla, um die restlichen mit einem Seil von oben zu sichern. Irgendwie war man sich oben und unten nicht einig, wie man nun sichern sollte. Sobald dies geregelt war, konnten wir unten lossteigen. Leider konnten unsere Freude oben nicht ruhig warten sondern sprangen ein wenig auf den Steinblöcken hin und her, so dass sich doch einige muntere Steine lösten und ziemlich genau in unsere Richtung rollten. Nach den erzwungenen Sprung in die Sicherheit konnten wir uns an den Aufstieg wagen. Auf halben Weg war der Mörtelhang ein wenig steiler, daher beschloss ich, Olivias Fuss mit meinen Händen Halt zu geben, ohne auf meinen Halt zu achten – worauf ich prompt das Gleichgewicht verlor. Ein Aufschrei später konnte ich mich wenig weiter unten ohne Probleme und Blessuren auffangen.
Endlich die Forcla erreicht, konnten wir sehen, dass sich der Weiterweg nicht gerade freundlich gestaltet. Zuerst über einige steile Bänder und kleine Felsabbrüche über Schneefelder zu schroffen Steinblöcken. Das Wasser und die Kraft einiger Damen waren ziemlich geschwunden. Daher beschlossen Andri und ich, vorauszueilen und die Autos von Pontresina nach Morteratsch zu transferieren. Aus meiner Optik war der Rest des Abstiegs bald einmal hinter uns gebracht.. Im Restaurant Morteratsch warteten wir dann auf den Rest der Gruppe. Um etwa 19.00 Uhr waren wir wieder alle vereint. Ein Abstieg, den allen wohl noch einige Zeit in Erinnerung bleibt.
Nun, wenn falls jemand nach der Moral der Geschichte fragen sollte: Wenigstens hat W. nun schöne Zähne.
Dieses Jahr auf nunmehr 2 Mann geschrumpft fing die traditionelle grosse Tourenwoche wieder im Oberengadin statt. Nach Morteratsch, Roseg und Scerscen in den Jahren 2008, 2009 und 2011 orientierten wir uns an den östlichsten Teil der Berninakette und setzten uns den nicht minder herausforderungsvollen Piz Cambrena als Tagesziel. Die Tatsache, dass wir ohne jegliche kompetente Führung seitens Gian auskommen mussten und Martin sich auf keinen Fall wegen den anstehenden Ferien mit seiner Herzensallerliebst verletzen durfte, vereinfachte auf keine Weise unser Unterfangen. Gian, der uns quasi telefonisch die Tourerlaubnis über die Arlas-Route erteilt hatte, wusste zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht, welch gefährliche Abstiegsroute über dem ihm noch völlig unbekannten Piz Caral wir im Sinn hatten.
Wir starteten also Punkt Fünf Uhr von der Diavolezza nach einer schlaflosen Nacht im Doppelzimmer – nächstes Mal wieder im Schlag – und liefen Richtung Fuorcla Trovat, immer wieder vorbei an Biwakplätzen, immer schön unserem einen Lichtkegel folgend (Martin findet so vieles nicht mehr, was er mal einst vor 30 Jahren gekauft hat). Weiter ging es zur Fuorcla d’Arlas, im Hintergrund auf dem Persgletscher stets die Lichter der Palübesteiger.
Wir kletterten im mühsamen Schutt ohne Hilfe der neu eingerichteten Eisenstangen zum Punkt 3083 hoch und gelangten über den Rücken zum Nordgipfel des Piz d’Arlas auf 3375. Hier begann das Anseilprozedere, immer mit der leisen Stimme im Hinterkopf, wie um Himmelswillen der Spierenstich geknüpft wird. Sichtlich erlöst von der ersten Tortur des Tages (hier ist tatsächlich das Anseilen gemeint), gingen wir zügig weiter über den felsenfesten und zum Teil doch sehr exponierten Nordgrat. Schwierig war der Grat jedoch dabei nie. Kurz vor dem etwas höher gelegenem Südgipfel gab es noch einen harmlosen Aufschwung zu überwinden und schon standen wir auf dem Hauptgipfel des Piz d’Arlas. Das Abklettern zum Gletscher erfolgte problemlos, eher Schwierigkeiten bereitete einmal mehr das Anziehen der Steigeisen (Martin, die Öse immer aussen für das nächste Mal!).
Fortan mit Steigeisen unter den Füssen unterwegs – die einen richtig, die anderen verkehrt herum – stapften wir am langen Seil auf dem schon für diese Tageszeit ziemlich weichen Gletscher. Dann der Schock: Martin fiel im flachen Teil bis zur Hüfte in eine Spalte. Nur mit viel Glück verhedderte sich der rudimentär abgebundene Anseilachter, was alles andere als ein Spierenstich war, zwischen Eis und Schnee. Somit konnte ich ihn ermutigt durch einen Überschuss an Adrenalin ohne jegliche Mühe sofort herausziehen und die Situation markant entschärfen. Nachdem ich ein Schweigegelübde abgelegt hatte, konnten wir unsere Tour wieder aufnehmen.
Auf dem 3606m hohen Piz Cambrena dann die erste längere Pause. Der Übergang zum Piz Palü sah nicht einladend aus. Dafür setzten wir uns dessen Ostpfeiler als nächstes grosses Ziel. Dieser ist nämlich einer der Klassiker in Graubünden.
Die Kälte liess die eigentlich länger geplante Pause erheblich schrumpfen und so standen wir nach einigen Minuten bereits auf dem 3602m hohen Nebengipfel des Piz Cambrena. Von da aus begann der extrem brüchige WS-Grat zum Piz Caral (an dieser Stelle sei vermerkt, dass wir unsere Abstiegsroute in keiner Weise empfehlen). So war das Abklettern zu Punkt 3387 gespickt mit einigen kniffligen Herausforderungen, die wir jedoch zuletzt souverän meisterten (oder nicht Martin?). Die Belohnung wartete kurz vor der Fuorcla dal Cambrena. Ein ganzes Steinwildrudel kletterte mit uns den Grat weiter als hätten sie gemerkt, dass wir führerlos unterwegs waren.
Auf dem Piz Caral, überzeugt davon die grösste Schwierigkeit des Tages schon überwunden zu haben, genossen wir die einsame Zweisamkeit. Wir schossen ein paar Fotos um den Moment festzuhalten bevor der unangenehme Teil der Tour seinen Anfang nahm. Wir stiegen zunächst mit Leichtigkeit zum Gletscherbächlein zwischen Punkt 3157 und 3072 ab. Dort wählten wir etwas naiv die tückische Flanke Caralin. Die tobenden Wasserfälle der Gletscherabbrüche gegenüber schienen wahrhaftig unsere Sinne zu trüben. Welch Wahnsinn (ich glaub es war Martins Landkarte von 1948) trieb uns da hinab, denn in der Flanke Caralin wechselten sich Felsen, Couloire und steile Wiesenpartien ständig ab. Selbst Herr Fürst Couloir bekundete ernsthafte Schwierigkeiten.
Als wir endlich und sehnsüchtig den Höhenweg von Li Mandri oberhalt der Alp Grüm erreichten, sah man uns die Erleichterung deutlich ins Gesicht geschrieben. Die Tour war insgesamt ein gelungenes Erlebnis und bekommt von mir drei Daumen nach oben.
Holz vor der Hütte
Es war der 31.Juli 2011, einen Tag vor dem offiziellen Nationalfeiertag der Schweiz. Während sich die Leute im Unterland darauf vorbereiteten ideologische Keulen zu schwingen und stritten ob sie überhaupt eine Erstaugustrede halte sollen (“la suisse n’existe pas”), traf sich das gr3000 Team oberhalb von Brigels um die Schönheit der Heimat zu geniessen, fernab jeglichen ideologischen Hickhacks. Mit im Gepäck waren ein geschätztes Klafter Holz, Wein, Bier und natürlich Cervelats. Bereits nach 500 Höhenmetern, knapp über der Baumgrenze war die Puste aus und ein Nachtlager wurde eingerichtet. Bald loderte ein gemütliches Feuer und wärmte Körper und Seele. Bei Cervelats und Bier wurde philosophiert und Familienpläne geschmiedet. Es dauerte lange, ehe das Holz zuneige ging und als es soweit war, krochen wir in unsere feuchten Biwacksäcke und schliefen den Schlaf der Gerechten. Die Kuhweide auf der wir uns befanden war so gemütlich, dass wir bis um sieben schliefen. Bei der Morgentoilette erleuchtete die Morgensonne bereits die gegenüberliegende Talseite und der Pinkelstrahl dampfte friedlich über der Weide.
Wenige Minuten später war alles eingepackt und wir stapften in Richtung Muttenstock. Stundenlang zunächst über Kuhwiesen, immer weiter bis das Gras spärlich wurde und wir uns schlussendlich in einer Geröllandschaft der Cavorgia da Vuorx wiederfanden. Bis dahin waren das 600 schweisstreibende Höhenmeter, denn der Rucksack war um einiges schwerer als sonst und für mich war es erst die 2. Tour dieser Saison. Der Aufstieg zum Muttenstock war nicht schwierig, aber durch Geröll und Schneefelder etwas mühsam. Nach dem Gipfelznüüni um etwa ein Uhr folgte ein kurzer Besuch des Piz Gavirolas. Langsam zogen Wolken auf und so stiegen wir ohne Verzögerung wieder ab. Über die mondlandschaftsähnliche Ebene der Cavorgia da Vuorx gelangten wir zum Übergang Falla Lenn wo wir über den Weg vom Kistenpass her zur Alp Quader abstiegen. Dort wartete bereits das Alpentaxi auf uns, dessen Fahrer ein waschechter Oberländer ist und uns durch seine
Geschichten zu erheitern wusste.
Die Region um Brigels wird uns in bester Erinnerung bleiben, die Landschaft ist atemberaubend, die Leute sind freundlich, kernig und versprühen den typischen Oberländer-Charme. Einzig der Anblick des Bifertenstocks liess unsere Genitalien schrumpfen, ein wahrlich uneinladender Geselle.



